Margrit Schlegel, PKST-Präsidentin
Seit dem Jahre 2000 führt der Pommersche Kreis- und Städtetag jährliche verständigungspolitische Tagungen in Hinterpommern
durch. Ziel dieser Veranstaltungen, an denen Vertreter polnischer Kommunen und Kreise, Lehrer, Studenten und Schüler sowie
von deutscher Seite vorwiegend die Vertreter unserer Heimatkreise und des weiteren interessierte Landsleute teilnehmen, ist
die Verständigung zwischen Deutschen und Polen zu fördern und auszubauen.
Unsere pommerschen Heimatkreise haben fast ausnahmslos gute Kontakte zu den offiziellen Vertretern ihrer Heimatstädte,
oftmals ergänzt durch Partnerschaften unserer Patenschaftsträger.
Nach einer Einführung in die Tagung durch die PKST-Präsidentin und Grußworten des Landrates von Gollnow, des Bürgermeisters
von Naugard und des Vizepräsidenten des Schlesischen Kreis-, Städte- und Gemeindetages, Ulrich Erbe,
referierte Professor Dr. Wieslaw Burger von der Universität Stettin über das Thema „Politische Bedingtheiten der
deutsch-polnischen Verständigung“. Er stellte seinen Vortrag unter das aktuelle Thema „Wiedervereinigung“. Der Traum
der Deutschen war eine Wiedervereinigung, ein Deutschland. Durch Hitlers Wunsch, der u.a. die Ausrottung der slawischen
Intelligenz vorsah, hat er den 2. Weltkrieg entfacht. Für diesen krankhaften Gedanken mussten die Deutschen ihren Preis
zahlen. Die vier Siegermächte übernahmen die Macht über Deutschland. Im allgemeinen wird angenommen, dass Stalin zwei
deutsche Staaten wollte und Polen Ostdeutschland zugeschlagen werden sollte.

Ein Guppenbild in der Mittagspause
Konrad Adenauer, ein besonderer Politiker, hatte den Blick in Richtung Osten, in dem er der Ansicht war, dass die Ostgebiete
für Deutschland langfristig verloren sind. Willi Brandt strebte Normalität zwischen Deutschen und Polen an. Polen und die
Bundesrepublik Deutschland hatten bis 1970 keine diplomatischen Beziehungen. Im Januar 1970 erfolgte ein offenes
Regierungsgespräch zwischen den beiden Ländern. Die Oder-Neiße-Grenze wurde im Mai 1972 als polnische Westgrenze beschlossen,
und zwar in Anwesenheit der polnischen Vertreter. Der Deutsche Bundestag und das polnische Parlament haben diese Lösung a
kzeptiert. Seit dem 3. Oktober 1990 ist Deutschland ein Staat unter Beitritt der fünf neuen Bundesländer, aber unter Verzicht
auf die Ostgebiete. Zum Schluss erinnerte sich Professor Burger an seine deutsche Abstammung und erwähnte seine Sympathie
für uns.
Professor Dr. Bernd Faulenbach von der Universität Bochum begann seinen Vortrag mit den Worten: „Die Vergangenheit zwischen
Deutschen und Polen hat es in sich!“ Wie stehen Deutsche und Polen zueinander? Wir sollten die Kommunikation in der kleiner
werdenden Welt ganz bewusst pflegen. Es gibt verschiedene Formen des Erinnerns, und zwar der Erlebnisgeneration,
der Historiker und auch der öffentliche Umgang mit der vorherrschenden Meinung.
Erinnerung bei Deutschen und Polen in den letzten Jahren und heute wird sehr unterschiedlich sein. Erinnerung ist ein Stück
Bezogenheit auf die Gegenwart.
Die deutschen Erinnerungen werden sein: Zweistaatlichkeit, Brüche in der Geschichte, wie z..B. Deutsche und Polen ohne Staat.
Für die polnischen Erinnerungen ist die deutsche Besatzungszeit von Bedeutung und die Sicherheit im Bündnis mit Russland.
Wie gehen die Deutschen mit ihren Erinnerungen um? Bis in die 1960er Jahre hieß es: „Dreigeteilt, niemals!“ Das polnische
Selbstbildnis sieht so aus, dass sie sich als Opfer sahen von Stalin und Hitler.
Der Umgang mit der Geschichte aus deutsch-polnischer Sicht in den 1970er Jahren hat auch in Polen Tabus aufgelöst. Die
deutsche Wiedervereinigung wäre ohne Solidarnosc nicht möglich gewesen. Die Historiker haben die Aufgabe die Tatbestände
zu klären und die Eigengewichtigkeit zu versachlichen. Die deutsche Erinnerungskultur hat eine Hypothek –Hitler und den
2. Weltkrieg- und zwei deutsche Staaten. Die DDR versuchte sich als besserer Staat. Westdeutschland aus politischer Sicht
war wichtiger. Ein Fünftel der Deutschen war in der DDR ansässig und vier Fünftel wohnten in der BRD.
Die Leiderfahrung der Menschen bezog sich auf Soldaten, Bombenangriffe und die Schicksale bei Flucht und Vertreibung.
Gerade das letzte Thema ist auch heute noch präsent. Die Vergangenheit spielt im deutschen Bewusstsein eine große Rolle,
die Aufarbeitung ist noch immer nicht vollzogen. Das schwierige Gesamtbild der deutsch-polnischen Erinnerungen sollte weiter
aufgearbeitet werden, wie es bei dieser Tagung auch vorgesehen ist. Man muss im Gespräch bleiben!
Das positive Bild des westlichen Nachbarn in der polnischen Presse sei das Ergebnis eines langjährigen Prozesses, stellte anschließend Professor Dr. Janusz Mieczkowski von der Universität Stettin fest. Das Bild von Deutschland West und Ost sei nicht einheitlich. Dem deutschen Nachbarn werden positive Merkmale zugeschrieben, wie z.B. Fleiß, Reichtum, Ordnung und Demokratie.
Als schwierig wird die Geschichte zwischen Deutschen und Polen dargestellt.
Dr. Ortwin Leitzke aus Kaarst erläuterte Möglichkeiten zur Verbesserung der deutsch-polnischen Beziehungen. Pommern zwischen
Regnitz und Leba, dafür interessiert sich seine kleine Enkelin Emma, der er oft von seiner Heimat erzählt, mit Geschichten
der Großeltern, aus der Kindheit in Pommern, Erinnerungen an die Flucht im kalten Winter 1945 und die baldige Rückkehr nach
Schlawe. Er forderte das Bekenntnis zur deutschen Vergangenheit bei der polnischen Bevölkerung, erwähnte aber auch den Raub
der Heimat der polnischen Neusiedler Er zitierte Bartoschewski „Auch wir Polen sind Täter“ und erwähnte ebenfalls
einige Zitate aus den beiden Publikationen von Piskorski. Außerdem gab er die Anregung, dass von polnischer Seite z.B.
der Pommersche Kreis- und Städtetag mehr ein bezogen wird, wenn die Gespräche über Pommern stattfinden.
„Das deutsch-polnische Grenzgebiet aus Swinemünder Sicht“ von Berlin nach Swinemünde in zwei Stunden, so stellt der
Referent Dr. Maciej Drzonek sich die Reise vor, und zwar zu deutsch-polnischen Tagungen. Man könnte dabei z.B. Themen
von pommerschen Persönlichkeiten aufgreifen oder mit den hier verbliebenen Deutschen Gespräche führen.
Dr. Witold Pronobis aus Berlin war der letzte Referent. Er sprach über die Akzeptanz der Geschichte der ehemaligen
deutschen Reichsgebiete durch die jetzigen polnischen Bewohner. Das Feindbild der Deutschen ist in Polen nahezu verschwunden.
Das Interesse an den Spuren der deutschen Geschichte hat sich weiterentwickelt. Der Referent betonte, dass es sich hier nicht
um historische Forschungen handelt, es sind seine eigenen Beobachtungen, speziell in Landsberg an der Warthe. Zum
750jährigen Stadtjubiläum haben die ehemaligen Einwohner eine Glocke gespendet. Gemeinsame Feierlichkeiten stehen unter
dem Motto: „Gemeinsame Heimatstadt“. Ein Gedenktag für Deutsche und Polen und gleichzeitig der Tag der Versöhnung ist
der 31, Januar 1945, der Tag an dem die Rote Armee die Stadt einnahm. Dr. Pronobis erwähnte weiter die deutschen
Gedenksteine und die guten Kontakte der ehemaligen Einwohner zur polnischen Stadtverwaltung. Außerdem berichtete er von
dem Grab eines damals 9jährigen Mädchens, das von den Russen erschossen worden war und jetzt suchte eine Deutsche den
Ort auf an dem ihre Schwester und ihre Mutter erschossen wurden. Die Schulkinder haben für einen Grabstein gesammelt.
„Durch die Jahre war das Grab vergessen und jetzt wird es wieder geliebt“.
Wie bei den Referaten zuvor, gab es hier eine besonders intensive Diskussion, denn mit unseren Gedenksteinen und
Stadtjubiläen haben wir in Pommern vielfältige Erfahrungen gemacht.
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In dem anschließenden Rückblick auf den Seminartag stellten wir fest, dass wohl beide Seiten mit dem Ergebnis zufrieden
waren. Besonders die Professoren Burger und Faulenbach brachten die Erinnerungen von herausragenden Ereignissen zwischen
Deutschen und Polen, ob sie nun positiv oder negativ waren, sehr anschaulich dar. Mit der Feststellung der PKST-Präsidentin,
über unsere Ehrlichkeit zur Verständigung, die wir auch bei dieser Tagung gezeigt haben, endete der Seminartag. Beim
Lagerfeuer im Külzer Park wurden die Gespräche noch fortgesetzt. Am nächsten Tag waren wir zunächst in Jastrow im Kreis Deutsch Krone. Hier hatte Edeltraud Nagel ein Treffen mit dem Bürgermeister und Schülern eines Gymnasiums vorbereitet. In der Aula des Gymnasiums wurden wir vom Bürgermeister sehr herzlich empfangen. Er stellte das gute Verhältnis zu den ehemaligen Einwohnern, das durch das Wirken von Frau Nagel besonders herzlich ist, heraus. Ganz wichtig ist ihm aber auch die Partnerschaft mit der deutschen Stadt Steinfurt. Die Schüler erfreuten uns mit deutschen Liedern und lustigen Darbietungen. So erfuhren wir auch etwas über den Schulalltag in Polen. Mit einer Stadtrundfahrt endete der Jastrowbesuch. |
In Flatow waren wir zunächst Gäste des Landrates, das uns dann auch voller Stolz gezeigt wurde, und überall fanden wir dort
deutsche Spuren! Im Mittelpunkt standen hier ebenfalls die guten Kontakte zum Heimatkreis, besonders zu den Vorsitzenden
Rolf-Peter Wachholz und Günther Stelte sowie zum Partnerkreis Gifhorn. Später empfing uns der Bürgermeister im Rathaus und
bei einem Rundgang durch die Stadt bis zum Stadtsee unter der Leitung des Bürgermeisters erfuhren wir einiges über den
hervorragenden Wiederaufbau Flatows. Um zwölf Uhr waren wir Zeugen des „Hirschsprungs“, dem Flatower Wappentier vor dem
Rathaus.
In Schneidemühl haben wir während dieser Zeit im Hotel „Gromada“ übernachtet. Auch hier unternahmen wir eine kleine
Stadtrundfahrt. Die Landsleute Wilfried Dallmann und Professor Nowacki zeigten uns die heutige Stadt, dabei kamen die
Erinnerungen an das alte Schneidemühl bis 1945 nicht zu kurz. Wir konnten auch hier wieder feststellen, wie zuvor in Jastrow
und Flatow, dass unsere Landsleute die besten Reiseführer sind.
Unsere Tagung ging mit einem Rückblick auf den Seminartag und die Exkursionen in der Grenzmark zu Ende. Es waren schöne und
sonnige Herbsttage in der Heimat. Einige der Teilnehmer kannten die Grenzmark noch nicht und waren überrascht von der
reizvollen hügeligen Landschaft mit endlosen Wäldern, zahlreichen Seen und großen Feldern, die auch bestellt waren, und
die Städte mit guten Straßen und restaurierten Gebäuden. Sie lassen die deutsche Vergangenheit erkennen, die unsere Heimat
nach wie vor prägt, auch wenn viel Neues zu sehen ist.
Es waren harmonische Tage mit zahlreichen Diskussionen, die ausnahmslos sachlich geführt wurden und Einvernehmen zeigten.
Einige polnische Referenten sagten mir am Ende des Seminartages, dass ihnen die Atmosphäre unserer Külzer Tagung besonders
gefallen habe. Mit einem Dank an die Teilnehmer, Referenten und an den Dolmetscher schloss die Präsidentin die
verständigungspolitische Tagung. Bevor wir mit unserem Reisebus am nächsten Tag Pommern verließen, sangen wir
gemeinsam unser Pommernlied. Hinter Deutsch Krone wurden wir von der polnischen Straßenpolizei angehalten und die
Papiere des Busses kontrolliert. Wie sich herausstellte fehlte ein Dokument, das der Fahrer aber per Fax von seinem
Busunternehmen nachreichen konnte. Nach einer über zweistündigen Wartezeit und der Zahlung einer „Strafe“ von eintausend
Zloty durften wir dann endlich weiterfahren. Wer will überprüfen, ob diese „Aktion“ rechtens war? Auf der einen Seite
werben die Polen um deutsche Touristen, die Frage ist nur, welches deutsche Busunternehmen wird sich dieser
offensichtlichen Schikane auf polnischen Straßen aussetzen.